Business Reality × Human Reality

Blog #1: Wenn die Ampel grün ist und im Raum trotzdem niemand nickt

Vor mir sitzt eine Geschäftsführerin, direkt nach ihrem Steuerungstermin. Drei Kennzahlen im Plan, eine auf Gelb, im Protokoll steht am Ende „im Plan“. Sie sagt: Ich glaube nicht, dass das stimmt, aber ich kann nicht sagen, woran ich das festmache.

Diesen Satz höre ich in Variationen oft. Jemand spürt, dass die Statusfolie nicht die ganze Geschichte ist, hat dafür aber keinen Beleg, weil als Beleg nur Zahlen zählen und die Zahlen etwas anderes sagen.

Ich verstehe dieses Gefühl gut. Ich traue ihm inzwischen mehr als der Folie.

Das war nicht immer so. Am Anfang habe ich der Folie geglaubt, weil sie die einzige Version war, die jeder im Raum akzeptiert hat. Erst später habe ich gemerkt, dass Akzeptanz und Richtigkeit zwei verschiedene Dinge sind.

Dieses Muster sehe ich seit Jahren in unterschiedlichen Branchen, im Handel wie in der Energiewirtschaft oder bei Banken. Ein Status wird auf dem Weg nach oben immer kürzer. Aus Gelb wird Grün, aus einem Vorbehalt wird ein Haken, und am Ende bleibt eine Farbe übrig, die sich leicht weiterreichen lässt.

Was die Zahlen zeigen

Deloitte: 2025 Chief Transformation Officer Study (deloitte.com/us/en/about/press-room/2025-chief-transformation-officer-study.html)

Eine aktuelle Erhebung von Deloitte unter Verantwortlichen für Transformationsprogramme zeigt, wie verbreitet dieses Bild ist. Mehr als 80 Prozent der Programme gelten aus Sicht der eigenen Führung als im Plan oder über dem Ziel. Auf der Ebene, auf der Budgets verantwortet und Fortschritt berichtet wird, sieht die Lage überwiegend gut aus.

Wo die Lücke entsteht

Dayforce Research, Mai 2026: „Frontline Operations Near a Breaking Point“ (globenewswire.com/news-release/2026/05/21/3299241)

Eine zweite, unabhängige Erhebung von Dayforce aus diesem Jahr misst dieselbe Situation von der anderen Seite. Sie fragt Frontline-Mitarbeitende, ob ihre Führung deren Probleme wirklich versteht. 2024 sagten das noch 62 Prozent, aktuell sind es 42. Ein Rückgang, der sich in keiner Statusfolie zeigt, weil dort ein anderer Wert steht.

Ich weiß nicht, ob beide Zahlen dasselbe Unternehmen beschreiben könnten. Das müssen sie auch nicht. Zusammen zeigen sie ein Muster, das ich in Steuerungsterminen wiederkehrend sehe: Business Reality und Human Reality, beide korrekt gemessen, auf verschiedenen Ebenen, und beide zeigen etwas anderes.

Für die Geschäftsführung

Eine grüne Ampel sagt vor allem, was auf dem Weg nach oben noch nicht ausgesprochen werden konnte. Wer nur auf die Statusfolie schaut, sieht die eigene Organisation ein bis zwei Ebenen zu optimistisch, dort, wo sich Risiken zuerst zeigen.

Zwei Prozentpunkte Unterschied wären Rauschen. Zwanzig Punkte in zwei Jahren sind ein Trend, der etwas über die Organisation sagt, nicht nur über ein einzelnes Projekt.

Ich sage das nicht, um Statusberichte abzuschaffen. Sie sind notwendig, damit eine Organisation sich überhaupt verständigen kann. Ich sage es, weil eine Folie nur eine von zwei Realitäten zeigt, und die Geschäftsführung Zugang zu beiden braucht.

Ein Steuerungstermin lässt sich so führen, dass beide Bilder Platz bekommen. Das beginnt mit einer einzigen zusätzlichen Frage nach der Statusfolie: was auf der nächsten Ebene anders aussieht als auf der Folie.

👉 Mein Impuls für Sie

Verlassen Sie sich dabei nicht nur auf den Bericht, der zu Ihnen kommt. Gehen Sie in Abständen selbst dorthin, wo er entsteht, ohne Agenda, nur um zuzuhören. So lernen Sie beide Realitäten aus erster Hand kennen, nicht nur die eine, die es bis zu Ihnen schafft.

Welcher Status in Ihrem nächsten Steuerungstermin ist grün, obwohl im Raum längst eine andere Farbe hängt?

Herzliche Grüße

Nadine Sandmann


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